ausderferne
ausdernähe ausdermitte
Konzept der Ausstellung
ist der Leitsatz dieser Ausstellung. Aus der Ferne kommen
die Künstler und ihre Werke. Der Besucher wird die
Arbeiten aus der Nähe betrachten. Damit aber die Kunst
tatsächlich ankommen kann, müssen wir sie aus
unserer Mitte wahrnehmen, mit unserem ganzen Wesen. Es ist
hilfreich, einen Bund mit diesen Arbeiten einzugehen - etwas
wie eine geheime Gemeinschaft zwischen uns und den Werken.
Wenn wir uns darauf einlassen, kann hier etwas passieren,
das unsere Ausstellungserfahrung zu sprengen in der Lage
ist. Schließlich stehen wir mit einem Fuß noch
in unserem Alltag, mit dem anderen jedoch schon in einer
ferneren Welt: in Griechenland.
Zwölf Künstler aus Griechenland führt die
Ausstellung zusammen - und damit zwölf ästhetische
Positionen, die einen Überblick geben über die
Facetten der griechischen Gegenwartskunst. Sie schlägt
einen spannenden Bogen von der Malerei über die Skulptur
und Installation bis zur Photographie und den Neuen Medien.
Viele der Künstler sind in Deutschland noch kaum bekannte
Entdeckungen, andere - wie George Lappas - haben sich bereits
international etabliert; allen aber ist gemeinsam, in ihrer
Arbeit aus einer ganz spezifischen Quelle zu schöpfen:
dem Leben, der Geschichte, der Kultur Griechenlands.
Einen ganzen Film lassen Angelos Papadimitrious
„deutsch-griechische Verwandtschaften“ vor unserem
inneren Auge ablaufen. Vornehmlich Städter kommen darin
vor, solche, die den größten Gefallen an sich
selbst finden. Papadimitrious Porzellanfigürchen wecken
mit ihrem edlen Material das Verlangen nach dem Überfluss
und dem Luxus einer vergangenen Zeit und sind doch gleichsam
Parodien dieser Sehnsucht.
Ein großes Thema schlägt die Arbeit von Aemilia
Papaphilippou an: die Beziehung vom „Ich“
zum „Anderen“, die Gleichzeitigkeit des „Einen“
zum „Anderen“ – Gegensätze, aus denen
sich alles Geschehen ableitet. Vor ihr hat Heraklit versucht,
diese Philosophie der Welt zu vermitteln.
Nur im virtuellen Raum existieren viele der Werke von Christos
Prossilys. Über seine Website
www.culturalolympics.com etwa lädt er uns ein,
selbst unsere eigene Version der Olympischen Spiele zu entwerfen,
die vom Künstler weiter ausgewertet wird. Für
die Ausstellung in der Galerie Françoise Heitsch
hat der Künstler eine Videoarbeit geschaffen.
Äste, Zweige, Erdbrocken verfangen sich in den Netzen,
die Andreas Savva gewoben hat. Das organische
Material ist verstrickt in ein Gespinst aus Fäden,
das es hält und zugleich zu zerreißen droht.
Die Arbeit ist das Pendant zu einem größeren
Werk im Europäischen Patentamt; dort sind es ausgediente
Stühle und Tische, die hilflos in den Seilen hängen
– für Savva sehr persönliche Gegenstände
des Menschen, die, unbrauchbar geworden, sich nun in der
Schwebe zwischen Bewahrung und Zerstörung befinden.
Nicht ganz von dieser Welt sind die Landschaften in den
Videostills von Vassiliea Stylianidou.
Sie halten eine prekäre Balance zwischen Realität
und Virtualität: gespeist aus wirklichen Ansichten
einer physisch greifbaren, echten Natur, sind sie doch aus
dieser herausgeschnitten und in eine digital generierte
Form eingeschlossen.
Eine sonderbare Straße der Erinnerung pflastern die
gesammelten Objekte Thrafias. Ein tableau
vivant aus spielzeugartigen Gegenständen breitet sich
vor uns aus, bunt, ohne sichtbares Ordnungsprinzip. Vielleicht
sind es Bruchstücke einer fiktiven Biographie?
Als hätte keine Menschenhand sie berührt, erscheinen
die Werke von Katerina Tsekoura. Die Künstlerin
arbeitet mit vergänglichen Stoffen, ja selbst mit unsichtbaren
Kräften: Zucker, Pollen, Magnetismus. In einer explosiven
Spannung zwischen den Gegensätzen hat bei ihr alles
seinen Antagonisten, seine Antithese, seine Antwort: Weiches
steht gegen Hartes, das Verletzliche gegen das Gewaltige,
das Bedrohende gegen das Bergende, das Unheimliche gegen
das Vertraute.
Zaphos Xagoraris schließlich ist
als Maler genauso spannend wie als Installationskünstler.
Seine schwarz-weißen Traumsequenzen – surreale,
collageartige Konstellationen von Menschen und Dingen –
sind rätselhafte Protokolle, in einer kaum leserlichen
Schrift verfaßt, die undeutliche, undeutbare Spuren
der Vergangenheit bewahren.
Zum Konzept der Ausstellung
„Durch Griechenland geschult, gewöhnt man sich
daran, große Zeitspannen zu überwinden und Disziplinen
zu sprengen. In einem Satz gleichzeitig eine meiner‘
Künstlerinnen und Heraklit erwähnen zu können,
ist eine dieser vielleicht nur dort möglichen Selbstverständlichkeiten,
über die ich mich sehr freue. Diese Ausstellung zu
kuratieren, wurde für mich, eine Griechin, die in Deutschland
lebt, ein Hineintauchen in die Kunst Griechenlands und eine
Seelenangelegenheit. Das Ziel war es, jenseits der Trends
Künstler zu zeigen, die die Vielfalt und Vielseitigkeit
der zeitgenössischen Kunst in Griechenland vermitteln.
Ein Künstler ist ein „Mehrseher“. Wenn
es uns gelingt, ihm zu folgen, verschafft er uns einen Über-Blick
über uns selbst, über das Leben und über
sein Land.
Ich danke für das Vertrauen, welches das Europäische
Patentamt mir entgegengebracht hat, und für die Hilfe,
die ich in Athen bekam. Ich bedanke mich bei allen Künstlern,
die mir Zugang zu ihrer Arbeit verschafft haben, und danke
für das Verständnis derer, die wir leider nicht
zeigen konnten.“
Françoise Heitsch
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